Neue Influenza H1/N1 („Schweinegrippe“)
Ende April 2009 traten in Mexiko und den USA auffällige Grippeerkrankungen bei Menschen auf, in deren Folge es auch zu Todesfällen kam. Die Infektionen wurden durch das Influenza A Virus vom Subtyp H1N1 ausgelöst, das Ähnlichkeiten mit bei Schweinen vorkommenden Influenzaviren aufwies.
Das Influenzavirus A/H1N1 kann effektiv von Mensch zu Mensch übertragen werden und wurde bisher fast ausschließlich beim Menschen nachgewiesen. Der Begriff „Schweinegrippe“ ist daher irreführend. Deshalb wurde der Begriff „Neue Grippe“ eingeführt. Aufgrund der raschen, weltweiten Mensch-zu-Mensch Ausbreitung dieses neuen Influenzavirus hatte die WHO die Neue Influenza H1/N1 („Schweinegrippe“) am 11. Juni 2009 zur < Pandemie > erklärt.
Rückblickend zeigt sich, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern der Nordhalbkugel und Europas und auch im Vergleich zu früheren Pandemien einen günstigen Verlauf der Influenzapandemie erlebt hat, der in etwa mit einer mittelschweren saisonalen Grippe vergleichbar ist.
Das Virus war ansteckender als die saisonalen Influenzaviren und hat daher vermutlich eine größere Zahl von Menschen infiziert als das saisonale Grippevirus. In der Bevölkerung bestand keine oder nur eine sehr beschränkte Immunität, zudem stand zu Beginn kein Impfstoff zur Verfügung.
Schwere und tödliche Erkrankungen waren zwar seltener als bei den meisten saisonalen Influenzawellen, betrafen dafür aber insbesondere jüngere Altersgruppen: Bereits während der ersten Erkrankungswelle zeigte sich, dass die höchste Inzidenz an pandemischer Influenza A (H1N1) die Altersgruppe zwischen 5 und 19 Jahren aufwies. Meldedaten zufolge waren 70 % der Patienten, die wegen der Erkrankung stationär behandelt werden mussten, jünger als 24 Jahre.* Damit unterschieden sich die von der pandemischen Influenza A (H1N1) betroffenen Altersgruppen entscheidend von denjenigen, die typischerweise von der saisonalen Influenza betroffen sind.
Auch konnte mindestens eine der bekannten Grunderkrankungen als Risikofaktor für einen schweren Krankheitsverlauf bei 86% der an der pandemischen Influenza A (H1N1) Verstorbenen festgestellt werden.** Diese Erkenntnisse werden auch durch US-amerikanische Daten bestätigt: 65% der Kinder, die 2009/2010 in den USA an einer Infektion mit dem pandemischen Influenzavirus A (H1N1) verstarben, wiesen eine zugrundeliegende Hochrisiko-Erkrankung auf – davon neurologische Grundkrankheiten (66 %) und Lungenerkrankungen (29 %).***
Die offiziellen Erkrankungsraten sind sehr niedrig, da nur zu Beginn der Pandemie eine Meldepflicht bestand. Aufgrund des milden Krankheitsverlaufs gingen darüber hinaus viele Betroffene nicht zum Arzt.
Im August 2010 hat die WHO die Pandemie offiziell für beendet erklärt.****
Neue Influenza („Schweineinfluenza“) und saisonale Influenza beim Menschen
Die klassischen Influenza-Virusstämme, an denen Schweine erkranken, verursachen beim Menschen selten und dann nur milde Erkrankungen. Durch die Tatsache, dass sich Schweine auch mit Influenza-Viren infizieren können, die bei anderen Tierarten (z.B. Vögeln) oder bei Menschen zu finden sind, können sich im Schwein völlig neue Virusstämme bilden (sogenanntes Reassortment). Deren Genom ist neu gemischt, und sie können auch bei anderen Spezies gefährliche Krankheitsausbrüche hervorrufen. Die Bedeutung des Schweines bei der Entstehung neuer, krankheitsauslösender humaner Stämme wird oft als „mixing vessel“ (Mischgefäß) charakterisiert.
Das Pandemievirus aus dem Jahr 2009 (H1N1), das sich ab April/Mai 2009 weltweit ausbreitete, ist eine solche Mischung – denn es enthält genetische Abschnitte von Influenzaviren, die bei Vögeln, Schweinen und Menschen vorkommen. Dieses Pandemievirus ist wahrscheinlich durch die oben beschriebenen Reassortments entstanden.
Das RKI nimmt an, dass viele Menschen in Deutschland und weltweit durch eine zurückliegende Infektion mit dem Erreger, bestehender Kreuzimmunität (vorwiegend bei über 60-Jährigen) oder durch eine Impfung gegen das A(H1N1)-2009-Virus immun sind. Allerdings kann nie ausgeschlossen werden, dass sich das Influenzavirus genetisch verändert und so das Immunsystem des Menschen unterlaufen kann. Bisher gibt es aber keine Anzeichen für maßgebliche genetische Veränderungen des A(H1N1)-Virus.*****
Im Falle einer Erkrankung durch das pandemische Grippevirus A(H1N1)-Virus 2009 sind Neuraminidase-Hemmer genauso wirksam wie gegen das saisonale Grippevirus.
* Epidemiologisches Bulletin Nr. 50/2009 (14. Dezember 2009)
** Epidemiologisches Bulletin Nr. 21/2010 (31. Mai 2010)
*** Cox CM et al. "2009 Influenza A (H1N1) deaths among children -- United States, 2009-
**** Robert-Koch-Institut: FAQ des RKI zur pandemischen und saisonalen Grippe. www.rki.de
***** Robert-Koch-Institut: Situationseinschätzung zur Neuen Influenza. www.rki.de
2010" PAS 2010; Abstract 1172.5.
Stand August 2010